Welt-Yoga-Tag
Heute ist Welt-Yoga-Tag (und ich hab’s fast verpennt)
Da liege ich also. Kurz nach sechs, das Handy vibriert auf dem Nachttisch, und noch bevor mein Gehirn beschlossen hat, ob es heute überhaupt mitmacht, hat mein Daumen schon gescrollt. Und da steht es, irgendwo zwischen einer Wetterwarnung und dem Frühstücksfoto eines Menschen, den ich seit der Schule nicht gesehen habe:
„Happy International Yoga Day!“
Drei Lotus-Emojis. Ein Sonnenaufgang, der echter aussieht als alles, was ich um diese Uhrzeit zustande bringe.
Welt-Yoga-Tag. Heute. Und mein allererster Gedanke ist nicht etwa Dankbarkeit. Nicht Verbundenheit. Nicht das leise Strömen universeller Energie durch mein noch leicht verknautschtes Wesen.
Mein erster Gedanke ist: Mist. Jetzt muss ich was Besonderes machen.
Der Druck mit den besonderen Tagen
So ist das ja mit Feiertagen. Sie kommen mit einer Erwartung im Gepäck. An Weihnachten muss man sich lieben, an Silvester muss man Vorsätze haben, und am Welt-Yoga-Tag muss man offenbar bei Sonnenaufgang in einer makellosen Krähe auf einem Felsen am Meer balancieren, während im Hintergrund ein Cello spielt und das Universum anerkennend nickt.
Ich sitze auf der Bettkante. Mein Rücken knackt. Das Cello fehlt.
Kurzer Wissens-Einschub, weil ich Yogalehrer bin und das jetzt so machen muss: Den Welt-Yoga-Tag gibt es noch gar nicht so lange. Die Vereinten Nationen haben ihn 2014 beschlossen, gefeiert wird er seit 2015 – zurück geht er auf einen Vorschlag Indiens. Und das Datum ist kein Zufall. Der 21. Juni ist die Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres. In der yogischen Überlieferung gilt so ein Übergang als besonderer Moment; manche erzählen, dass ausgerechnet an einem solchen Tag der erste Yogi begonnen haben soll, sein Wissen weiterzugeben.
Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich war nicht dabei. Aber es ist eine schöne Vorstellung: dass am hellsten Tag des Jahres jemand anfängt, Licht weiterzureichen.
Apropos Sonne: der naheliegendste Gruß der Welt
Und wenn wir schon beim hellsten, sonnigsten Tag des Jahres sind – es gibt da diese eine Übung, die heute fast schon unverschämt gut passt. Der Sonnengruß. *Surya Namaskar*, wörtlich übersetzt: der Gruß an die Sonne. Eine kleine, fließende Abfolge, die traditionell am Morgen geübt wird, der aufgehenden Sonne zugewandt – als eine Art stilles Dankeschön an das Licht, das nun mal alles wachsen lässt, mich eingeschlossen.
Am 21. Juni, dem Tag mit dem meisten Tageslicht überhaupt, ausgerechnet die Sonne zu grüßen – schöner kann ein Zufall kaum sein.
Wobei … ganz so ungetrübt ist mein Verhältnis zum Sonnengruß nicht immer. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich [neulich schon ausführlich erzählt habe] – inklusive Dauerregen, schlechter Laune und der ernsthaften Frage, ob der Süden nicht doch die bessere Idee gewesen wäre.
Und dann fällt der Groschen
Während ich da so sitze – Bettkante, knackender Rücken, kein Cello – fällt mir auf, dass ich die ganze Sache mal wieder falsch herum angefasst habe.
Der Welt-Yoga-Tag ist nicht der Tag, an dem du beweisen musst, wie gut du Yoga kannst.
Er ist der Tag, an dem du dich erinnern darfst, warum du überhaupt angefangen hast.
Und das ist ein Unterschied wie zwischen dem Foto vom Essen und dem Essen selbst.
Vielleicht hast du angefangen, weil dein Rücken nicht mehr mitspielte. Vielleicht, weil dein Kopf zu laut war. Vielleicht, weil dich jemand mitgeschleppt hat und du eigentlich nur danach Kuchen wolltest. (Völlig legitim. Ich kenne diese Person. An manchen Tagen *bin* ich diese Person.)
Der Punkt ist: Yoga ist keine Prüfung, die man am 21. Juni ablegt. Es ist eher das genaue Gegenteil. Es ist der einzige Termin in meinem Kalender, bei dem es völlig in Ordnung ist, schlecht zu sein. Wackelig. Unkonzentriert. Müde. Die Matte fragt nicht nach deiner Bestform. Sie ist einfach da – wie ein Hund, der sich freut, dass du nach Hause kommst. Egal, wie der Tag war.
Also, was mache ich heute?
Nein, ich werde nicht auf einem Felsen im Lotussitz sitzen.
Das macht meine Hüfte gar nicht mit.
Ich werde gleich aufstehen, mir einen Kaffee machen (ja, Kaffee, bevor jetzt jemand schreibt – auch Yogalehrer sind Menschen), meine Matte ausrollen und – was sonst, an einem Tag wie heute – ein paar Sonnengrüße machen. Nicht perfekt. Nicht fürs Foto. Einfach so. Weil heute ein guter Tag dafür ist. Und weil die Sonne heute am längsten da ist, um zurückzugrüßen.
Und weißt du was? Morgen ist auch ein guter Tag dafür. Und übermorgen.
Das ist eigentlich das Schönste am Welt-Yoga-Tag: Er ist nur eine Einladung. Den Rest des Jahres bist du selbst dran.
In diesem Sinne… alles Gute zum Welt-Yoga-Tag.
Roll deine Matte aus.
Oder lass es.
Beides ist Yoga.
Namasté (und ja, auch dieses Wort sage ich mit einem kleinen Augenzwinkern),
Chris
