Minimalistische Line-Art Illustration: eine Figur streckt sich von hinten mit erhobenen Armen einem klingelnden Wecker entgegen

Zu müde für Yoga? Alasya, Styana und die Schlummertaste, die immer gewinnt

Donnerstag, 06:10 Uhr. Der Wecker hat gerade zum zweiten Mal geklingelt, und irgendwo in mir hat sich gerade jemand entschieden, die Schlummertaste zu einer Art Lebensphilosophie zu erklären.

In fünf Minuten beginnt Guten Morgen Yoga. Matte liegt bereit, Laptop steht, Kamera könnte an. Müsste nur noch: ich.

Mein Geist: „Eigentlich bin ich zu müde, um jetzt Yoga zu machen.“

Ich: „Du liegst. Das ist ein Unterschied zu müde.“

Mein Geist: „Ich bin beides gleichzeitig. Nennt man Multitasking.“

Draußen ist es noch dunkel. Drinnen, in mir, auch.

Ich: „Komm schon. Die Erleuchtung kennt keine Müdigkeit.“

Mein Geist: „Wer sagt das?“

Ich: „Ich glaube, das stand mal irgendwo auf Instagram.“

Mein Geist: „Bestimmt unter einem Foto von jemandem, der um 06:10 Uhr schon durchtrainiert im Lotussitz mit Kokosnusswasser posiert. Das ist nicht Erleuchtung, Chris. Das ist eine Kampagne.“

Ich muss kurz schlucken. Er hat nicht ganz unrecht.

Styana – der Nebel, der noch vor dem Kaffee da ist

Ich setze mich trotzdem auf. Halbherzig, aber immerhin.

Ich: „Warum ist das eigentlich jeden Donnerstag so ein Kampf?“

Mein Geist: „Weil dein Kopf gerade durch Nebel watet. Das hat sogar einen Namen. Styana.

Ich: „Klingt wie eine Automarke.“

Mein Geist: „Ist es nicht. Styana ist einer der neun Antarayas, die Hindernisse, die Patanjali im Yoga Sutra beschreibt. Sutra 1.30, falls es dich interessiert, was es offensichtlich nicht tut, weil du lieber schläfst.“

Ich reibe mir die Augen.

Ich: „Und was genau ist Styana?“

Mein Geist: „Geistige Stumpfheit. Dieses Gefühl, als würde dein Gehirn durch Wackelpudding denken. Nicht Krankheit, nicht Faulheit. Einfach: Nebel. Der Kopf ist da, aber niemand hat ihm gesagt, dass er heute mitmachen soll.“

Das trifft es erschreckend genau. Ich sitze auf der Bettkante wie ein Rechner, der gerade bootet und schon beim Ladebildschirm überlegt, ob sich das lohnt.

Alasya – wenn der Körper einfach keine Lust hat

Ich stehe auf. Immerhin senkrecht.

Mein Geist: „Und jetzt kommt der zweite. Alasya.

Ich: „Lass mich raten. Auch ein Hindernis.“

Mein Geist: „Auch einer der neun. Aber anders als Styana. Alasya ist nicht der Nebel im Kopf. Alasya ist der Körper, der genau weiß, was zu tun wäre – und trotzdem einfach nicht will. Träge. Schwer. Eine Art körperliches Naja-später.“

Ich: „Also ist mein Kopf im Nebel und mein Körper im Streik.“

Mein Geist: „Willkommen im Donnerstagmorgen.“

Ich stehe da, in Yogaklamotten, die ehrlich gesagt bis eben noch Schlafanzug waren, und merke: Das hier ist keine Charakterschwäche. Das hat sogar einen Sanskrit-Namen. Zwei sogar. Das beruhigt mich mehr, als es sollte.

„Aber nach dem Yoga ist man doch fitter“

Ich: „Weißt du, was komisch ist? Ich weiß genau, dass ich mich danach besser fühle. Jedes Mal. Ausnahmslos.“

Mein Geist: „Ja. Und trotzdem hilft dir dieses Wissen um 06:12 Uhr genau null.“

Ich: „Warum eigentlich nicht? Ich HABE die Erfahrung. Ich WEISS es.“

Mein Geist: „Weil Alasya sich nicht für deine Erfahrungswerte interessiert. Alasya ist kein Argument. Alasya ist ein Zustand. Du kannst ihm nicht mit Logik beikommen, du kannst höchstens an ihm vorbeigehen.“

Das sitzt.

Ich habe jahrelang gedacht, Disziplin heißt, das innere Genöle wegzuargumentieren, bis es aufgibt. Aber vielleicht ist das gar nicht der Job. Vielleicht heißt Disziplin einfach: aufstehen, während der Nebel noch da ist. Nicht danach.

Genau darüber habe ich vor ein paar Wochen schon mal geschrieben, als mein Schweinehund und meine Disziplin sich um die Kontrolle über meine Yogamatte gestritten haben. Andere Baustelle, gleiches Prinzip: Man muss nicht motiviert sein, um loszulegen. Man muss nur loslegen.

Auf der Matte – der Körper wacht zuerst auf

Ich schalte den Laptop ein. Zwei Minuten zu spät, aber immerhin.

Die ersten Bewegungen sind zäh. Katze-Kuh, ein paar Runden, mein Atem klingt, als hätte er selbst noch geschlafen. Der Nebel – Styana – ist immer noch da. Der Körper – Alasya – macht trotzdem mit. Widerwillig, aber er macht mit.

Und dann, irgendwo zwischen dem dritten Sonnengruß und dem ersten echten Ausatmen, passiert das, was eigentlich immer passiert und mich trotzdem jedes Mal überrascht: Der Körper wacht auf, bevor der Kopf es überhaupt bemerkt. Erst die Muskeln, dann der Atem, dann – viel später, fast beleidigt, dass er zuletzt dran war – der Kopf.

Ich hatte das schon mal erklärt bekommen, damals mit der Laterne und den fünf Körperhüllen: Der Körper reagiert immer zuerst. Der Kopf braucht länger, um sich zu entscheiden, ob er mitkommt.

Mein Geist: „Na also.“

Ich: „Sag nichts.“

Mein Geist: „Ich sag ja nichts. Ich freu mich nur leise.“

Um 07:00 Uhr ist die Erleuchtung dann doch angekommen – zu Fuß, nicht per Blitz

Als die Stunde vorbei ist, sitze ich auf der Matte, ziemlich wach, ziemlich warm, und ehrlich gesagt: ziemlich zufrieden mit mir. Keine große Erleuchtung, kein goldenes Licht, kein spirituelles Erdbeben.

Nur ein Körper, der sich besser anfühlt als vor 45 Minuten. Ein Kopf, der klarer ist. Und die Ahnung, dass die Instagram-Erleuchtung mit dem Kokosnusswasser vielleicht ein bisschen was von der eigentlichen Wahrheit verpasst hat:

Erleuchtung kennt Müdigkeit sehr wohl. Sie wartet nur nicht darauf, dass sie verschwindet, bevor sie loslegt.

Mein Geist: „Das war jetzt ziemlich tiefgründig für 07:03 Uhr.“

Ich: „Ich weiß. Ich überrasch mich selbst manchmal.“

Mein Geist: „Kaffee?“

Ich: „Kaffee.“


Häufige Fragen zu Antarayas, Müdigkeit und Yoga am Morgen

Was sind Antarayas im Yoga?
Antarayas sind die neun Hindernisse, die Patanjali im Yoga Sutra 1.30 beschreibt – Zustände, die die Yogapraxis erschweren. Dazu gehören unter anderem Krankheit (Vyadhi), Zweifel (Samshaya) und Unachtsamkeit (Pramada) sowie Styana und Alasya.

Was ist der Unterschied zwischen Styana und Alasya?
Styana beschreibt geistige Stumpfheit oder Trägheit im Kopf – das diffuse Nebelgefühl, bei dem nichts wirklich in Gang kommt. Alasya ist die körperliche Trägheit: der Körper weiß, was zu tun wäre, hat aber keine Lust dazu. Beide tauchen morgens gerne gemeinsam auf.

Wie überwinde ich Morgenmüdigkeit vor dem Yoga?
Indem man nicht auf das Verschwinden der Müdigkeit wartet, sondern trotzdem anfängt. Der Körper wacht durch Bewegung meist schneller auf als der Kopf durch Nachdenken. Ein sanfter Einstieg statt der vollen Praxis senkt die Hemmschwelle deutlich.

Bringt Yoga am Morgen wirklich mehr Energie?
Erfahrungsgemäß ja: Durch Bewegung, Atmung und den Kreislaufanstoß fühlen sich die meisten Menschen nach der Praxis wacher als vorher. Das ist keine Garantie, aber ein sehr verlässliches Muster – auch wenn es sich um 06:10 Uhr selten danach anfühlt.


Wenn du donnerstags auch mit deinem eigenen Alasya verhandelst: Guten Morgen Yoga ist online, jeden Donnerstag von 06:15 bis 07:00 Uhr. Du musst nicht ausgeschlafen sein. Du musst nur kommen.

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