Schuld am Wetter
Mein Sonnengruß, der Klimawandel und die Frage, ob Süden wirklich so schlimm ist.

Da stehe ich also. Auf meiner Matte. Es ist 7:14 Uhr morgens, draußen regnet es zum gefühlt dreiundzwanzigsten Mal in Folge, und der Mai hat die Chuzpe, sich zu benehmen wie ein schlecht gelaunter November mit Identitätskrise.
Ich schaue aus dem Fenster. Wald. Grün. Nass. Sehr nass.
Mein Geist: „Schöner Tag zum Sonnengrüßen.“
Ich: „Es gibt keine Sonne.“
Mein Geist: „Eben. Und wessen Schuld ist das?“
Ich drehe mich langsam um.
„Warte kurz. Willst du damit sagen—“
„Ich sage gar nichts“, sagt mein Geist mit der verdächtigen Unschuld eines Mannes, der gerade sehr wohl etwas sagen will. „Ich stelle nur fest, dass du in letzter Zeit deinen Sonnengruß eher sporadisch praktizierst. Sporadisch ist dabei ein diplomatisches Wort für ‚fast gar nicht‘. Und ich stelle weiterhin fest, dass der Mai und der Juni gemeinsam beschlossen haben, im Dauerregen zu versinken. Das sind zwei Datenpunkte, Chris. Zwei. Datenpunkte.“
Kausalität für Fortgeschrittene
Ich bin eigentlich ein rational denkender Mensch. Ich glaube an Evidenz. Ich kaufe keine Homöopathika. Ich lese Beipackzettel.
Und trotzdem stehe ich jetzt hier und überlege, ob meine unzureichende Sonnengrußpraxis meteorologische Konsequenzen hatte.
Der Surya Namaskar — so der Sanskrit-Name für das, was die meisten Leute als „diese zwölf Bewegungen, nach denen man entweder frisch oder tot ist“ kennen — ist ursprünglich eine Morgenpraxis zu Ehren der Sonne. Man begrüßt sie. Man zeigt ihr Respekt. Man sagt quasi: Guten Morgen, Sonne, schön dass du da bist, bitte scheine weiter.
Was passiert, wenn man das nicht macht?
Nun ja. [Geste in Richtung des verregneten Maifensters.]
Ich weiß, ich weiß. Correlation is not causation. Aber ich bitte zu bedenken: Vor dem verregneten Mai kam meine Phase der yogischen Untätigkeit. Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster. Das ist, wissenschaftlich gesprochen, sehr verdächtig.
Das andere Problem: Zu viel des Guten
Mein Geist hatte allerdings noch ein zweites Anliegen auf dem Klemmbrett.
„Gut“, sage ich. „Ich mache ab sofort wieder mehr Sonnengrüße. Problem gelöst.“
„Wie viele?“, fragt er.
„Keine Ahnung. Viele. Zwanzig. Dreißig.“
Eine kurze Pause.
„Chris.“
„Was?“
„Du weißt, was ein Mensch bei dreißig Sonnengrüßen produziert, oder? Körperwärme. Atemluft. CO₂. Infrarotstrahlung. Alles abgegeben an die Umgebung. Multipliziert mit der globalen Yoga-Community — wir reden von schätzungsweise 300 Millionen Menschen weltweit — ergibt das eine thermische Masse, die ich nicht kleinreden möchte.“
Ich starre ihn an.
„Willst du mir gerade erklären, dass zu viele Sonnengrüße zur Erderwärmung beitragen?“
„Ich will dir gar nichts erklären“, sagt er. „Ich weise nur auf einen weiteren Datenpunkt hin.“

Die Sonne geht im Osten auf. Der Schrank auch.
Aber das eigentliche Problem des Morgens war ein anderes.
Ich stehe auf meiner Matte. Ich habe beschlossen, heute wirklich zu üben. Und jetzt kommt die Frage, mit der sich nach mir vermutlich noch Generationen von Yogalehrern herumschlagen werden:
Wohin schaue ich?
Die Tradition sagt: Osten. Die Sonne geht im Osten auf. Surya Namaskar bedeutet Sonnengruß. Man grüßt die Sonne dort, wo sie erscheint. Das ergibt Sinn. Das ist kohärent. Das ist — ich werde jetzt Richtung Osten schauen.
Ich drehe mich nach Osten.
Vor mir steht ein Schrank.
Er ist nicht hässlich. Er ist einfach ein Schrank. Beige. Zweckmäßig. Drei Türen, eine davon klemmt leicht. Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Wir haben beide schon bessere Momente erlebt.
Ich drehe mich nach Süden.
Wald. Stille. Ein Reh, das kurz aufschaut und dann weiterfrisst, weil es offensichtlich wichtigeres zu tun hat. Grüne Äste im Regen. Genau die Art von Ausblick, bei dem man tief einatmen und kurz vergessen kann, dass die Spülmaschine noch nicht ausgeräumt ist.
Mein Geist: „Tradition oder Wohlbefinden, Chris. Such dir was aus.“
Ich: „Das ist eine sehr unfaire Frage.“
Mein Geist: „Alle wichtigen Fragen sind unfair.“
Was die Tradition sagt. Und was ich denke.
Die Ostausrichtung beim Sonnengruß ist kein Gesetz. Es ist eine Empfehlung, geboren aus dem Gedanken, dass man sich zur aufgehenden Sonne ausrichtet — ihrer Energie entgegengeht, sie symbolisch willkommen heißt. Das macht um 6 Uhr morgens im Freien, auf einem Berggipfel, mit Blick auf den Horizont, absolut Sinn.
Ich bin aber nicht auf einem Berggipfel. Ich bin in Hessen. In meinem Wohnzimmer. Und der Horizont ist ein Schrank.
Yoga ist keine Religion, die man falsch machen kann, solange man aufrichtig dabei ist. Der Sonnengruß ist eine Bewegungssequenz mit Atem, Kraft, Dehnung und — wenn man Glück hat — einem Moment echter Präsenz. Diese Qualitäten entstehen nicht dadurch, dass man auf einen Schrank starrt, weil die Himmelsrichtung stimmt.
Sie entstehen dadurch, dass man sich eine Umgebung schafft, in der man wirklich ankommt.
Und wenn das für mich bedeutet, mit Blick in den Wald nach Süden zu stehen: dann ist das nicht Regelbruch. Das ist gesunder Menschenverstand in Yogahosen.

Morgen oder Abend — macht das einen Unterschied?
Noch eine Baustelle.
Der Sonnengruß am Morgen ist die klassische Variante: aktivierend, weckend, einer der besten Starts in den Tag, die ich kenne, wenn ich mich tatsächlich dazu aufraffe. Er holt den Körper aus der Starre des Schlafs, wärmt die Gelenke, macht die Faszien geschmeidig und sorgt dafür, dass man um 8 Uhr mit dem Gefühl in den Tag geht, bereits etwas geleistet zu haben — was im weiteren Tagesverlauf eine überraschend stabilisierende Wirkung hat.
Der Sonnengruß am Abend ist etwas anderes. Ruhiger. Fast meditativ, wenn man ihn langsam macht. Kein Aufwärmen, sondern Ausklingen. Nicht Starten, sondern Abschließen. Er ist weniger der Typ „Ich begrüße den Tag“ und mehr der Typ „Ich lege den Tag jetzt ordentlich gefaltet auf den Stuhl.“
Beides ist richtig. Beides funktioniert. Die Sonne, die man morgens begrüßt, ist die, die man abends verabschiedet. Das ist weniger Widerspruch als Kreislauf.
Mein Geist: „Und welches machst du jetzt?“
Ich: „Das, das ich tatsächlich mache.“
Mein Geist: „…weiser als ich dachte.“
Fazit: Schuldig auf allen Ebenen. Und trotzdem okay.
Also, Zwischenbilanz:
- Habe ich durch zu wenig Sonnengrüße den Mai ruiniert? Ich werde das weder bestätigen noch dementieren.
- Würde ich durch zu viele Sonnengrüße zur Erderwärmung beitragen? Die Wissenschaft schweigt. Mein Geist leider nicht.
- Ist Süden okay, wenn der Wald schöner ist als der Schrank? Ja. Eindeutig ja.
- Morgen oder Abend? Ja.
Der Sonnengruß ist kein Ritual, das man für die Sonne macht. Die Sonne hat 1,989 × 10³⁰ Kilogramm Masse. Die braucht meinen Applaus nicht.
Man macht ihn für sich. Für den Körper, der sich bewegen will. Für den Kopf, der kurz aufhören möchte, Listen zu verwalten. Für den Moment, in dem man aus dem Fenster schaut — egal ob nach Osten oder Süden — und merkt, dass man noch da ist.
Auch im Regen. Gerade im Regen.
Mein Geist: „Und jetzt?“
Ich: „Jetzt machen wir einen Sonnengruß.“
Mein Geist: „In welche Richtung?“
Ich: „Süden. Eindeutig.“
Er seufzt. Aber er dreht sich mit.
