Darf ich diese Person doof finden? Upeksha und mein Streit mit mir selbst
Da stehe ich also im Studio und sprühe Desinfektionsmittel auf die Leihmatten. Die Matten sind sauber. Mein Karma ist es gerade nicht. In meiner Hand halte ich den Lappen, während sich in meinem Hinterkopf schon wieder diese Stimme meldet. Sie klingt nicht wie ein weiser Guru aus dem Himalaya, sondern eher wie ein genervter TÜV-Prüfer, der gerade eine massive Mängelliste schreibt. Und alles nur wegen dieser einen Person.
Mein Geist: „Boah, hast du gesehen, wie der atmet? Allein dieses Einatmen. Völlig provokant. Und dieser Blick! Ich sag’s dir, Chris, der ist eine wandelnde Katastrophe.“
Ich: „Halt stopp. Die Person hat uns überhaupt nichts getan. Sie war einfach nur da. Wir urteilen nicht. Ahimsa, Gewaltlosigkeit, schon mal gehört?“
Mein Geist: „Doch, doch. Wir urteilen. Und mein Urteil ist rechtskräftig: Absolut unerträglich. Die Akte ist geschlossen.“
Ich seufze und wische etwas fester über die Matte. Das kann doch nicht wahr sein.
Ich: „Das kannst du als Yogalehrer nicht machen! Wir üben uns in Gleichmut. Upeksha! Weißt du noch? Die innere Mitte, universelles Mitgefühl und so?“
Mein Geist: „Meine innere Mitte hat gerade die Tür von innen verriegelt und ein ‚Bitte nicht stören‘-Schild aufgehängt, weil sie diese Person einfach abgrundtief scheiße findet. Akzeptier es.“
Was dann passierte, glich einem psychologischen Rohrbruch. Anstatt das Thema mental einfach abzuheften und weiterzuwischen, versuchte ich, meine eigene Bewertung mit spirituellem Panzertape zu flicken. Du darfst das nicht denken.
Aber mein Geist ist wie ein renitenter Handwerker auf Akkord: Sag ihm, er soll ein Rohr in Ruhe lassen, und er hämmert erst recht drauf rum.
Diese wildfremde Person zog mietfrei in meinen Kopf ein. Sie saß in meinen Gedanken beim Frühstück am Tisch, sie stand neben mir an der Kasse im Supermarkt, und sie grinste mich sogar beim Zähneputzen im Spiegel an. Je mehr ich versuchte, den erleuchteten Zen-Meister raushängen zu lassen und mir einzureden, dass jeder Mensch ein Geschenk des Universums sei, desto lauter hämmerte mein Geist von innen gegen meine Schädeldecke.
Ich ärgerte mich über die Person. Dann ärgerte ich mich darüber, dass ich mich über sie ärgerte. Und schließlich war ich stinksauer auf mich selbst, weil mein spirituelles WLAN offenbar komplett ausgefallen war. Ich funktionierte nur noch als wandelnder Widerspruch.
Irgendwann saß ich völlig entnervt mit Silke beim Kaffee. Da Silke nicht nur eine Freundin ist, sondern als Heilpraktikerin für Psychotherapie beruflich quasi diplomierte Klempnerin für verstopfte Hirnwindungen ist, schien sie mir die perfekte Anlaufstelle für meine innere Baustelle. Ich schüttete ihr mein Herz aus. Ich erzählte von dem epischen Kampf, den bösen Gedanken und meinem grandios gescheiterten Versuch, ein wandelndes Lichtwesen zu sein.
Silke rührte tiefenentspannt in ihrer Tasse, blickte mich an und sagte in ihrer herrlich pragmatischen Art: „Chris, es ist vollkommen okay, eine Person auch einfach mal scheiße zu finden. Du kannst nicht alle lieben.“
Bäm.
In diesem Moment passierte etwas Verrücktes. Kein Engel sang, kein drittes Auge ploppte auf. Es machte einfach nur Klack im inneren Sicherungskasten.
Ich ließ sofort mein virtuelles Klemmbrett sinken: „Ach so? Wir dürfen Menschen doof finden? Warum sagst du das nicht gleich? Na dann, macht es alles viel einfacher“
Der innere Konflikt fiel in sich zusammen wie ein billiges Wurfzelt. Sobald ich den Gedanken – Die Person ist anstrengend, und das ist völlig in Ordnung – akzeptiert hatte, war die Luft schlagartig raus. Mein Geist hatte keinen Widerstand mehr, an dem er sich abarbeiten konnte. Er zuckte metaphorisch mit den Schultern, und die Person packte augenblicklich ihre geistigen Koffer und zog aus meinem Kopf aus.
Die harte, aber heilsame Erkenntnis? Es war gar nicht diese arme, ahnungslose Person, die mich so getriggert hat. Ich war das ganz allein. Es war dieser absurde Streit mit mir selbst. Mein Ego hatte sich ein spirituelles Korsett geschnürt, das enger saß als eine frisch gewaschene Neoprenhose.
Wahrer Gleichmut – dieses berühmt-berüchtigte Upeksha – bedeutet eben nicht, mit einer rosaroten Brille durch die Welt zu rennen und sich krampfhaft einzureden, dass man alles und jeden umarmen muss. Manche Menschen sind kein Geschenk, manche sind einfach nur ein Kratzer im Lack des Alltags.
Gleichmut bedeutet, den inneren Bauarbeiten nicht mehr im Weg zu stehen. Wenn Wut, Ablehnung oder Genervtheit da sind, dann sind sie da. Die Kunst ist nicht, das Warnlicht hektisch abzukleben, sondern den Widerstand aufzugeben und zu sagen: „Okay, ich finde dich gerade furchtbar. Ist notiert.“
Ich werfe den Lappen in den Eimer und räume die letzte Matte ins Regal. Und wenn mir mal wieder jemand grundlos auf den Zeiger geht, dann klopfe ich meinem Geist gedanklich auf die Schulter und sage: „Hast recht, Chef. Ist ein Idiot. Lass uns weitergehen.“
