Koshas: Die fünf Körperhüllen – und wie eine Laterne mich erleuchtet hat
Hast du dich schon einmal gefragt, was die Bedeutung der Koshas in Yoga ist, wie die fünf Körperhüllen als sehr yogisch gelten und was Yoga dazu sagt?
Es ist einer dieser Tage.
Sonne. Frische Luft. Ich gehe spazieren, was an sich schon sehr yogisch ist, möchte ich anmerken.
Ich bewege mich.
Ich bin draußen.
Ich atme Sauerstoff.
Dass ich dabei auf mein Handy starre, ist ein Detail, das ich an dieser Stelle kurz übergehen würde.
Mein Geist: „Yogisch. Ja. Sehr.“
Ich: „Danke.“
Mein Geist: „Das war kein Kompliment.“
Instagram. Die Yogabiene84 macht wieder Dinge. Dinge, die mit Yoga in etwa so viel zu tun haben wie ein Handstand auf einem Surfbrett mit Meditation. Aber sie sieht dabei gut aus, das muss man ihr lassen. Sehr gut sogar. In sehr engen Shorts.
Ich scrolle weiter.
Da ist der Ernährungswissenschaftler.
Auch wieder da.
Mit seinem Post über die einzig wahre Morgenroutine, die dein Leben verändern wird, wenn du nur endlich aufhörst, Kaffee zu trinken und stattdessen lauwarmes Zitronenwasser mit Kurkuma und einem Hauch Demut trinkst.
Ich scrolle.
Die Yogabiene84 macht jetzt einen Spagat auf einem Standup-Paddleboard.
Ich scrolle.
Der Ernährungswissenschaftler erklärt, warum DEIN Frühstück falsch ist.
Ich scrol—
BONG.
Annamaya Kosha – die Körperhülle meldet sich
Die Laterne und ich treffen uns. Unerwartet… Stirn gegen Metall…
Ein Geräusch, das ich nur als dumpf-metallisch-beschämend beschreiben kann.
Mein Handy fliegt zum Glück nicht weg, es bleibt in meiner Hand. Ich stehe einfach da. Mit einer Laterne. Mitten auf dem Gehweg.
Eine ältere Dame schaut mich an.
Ich nicke ihr zu, als wäre das so geplant gewesen.
Mein Geist: „Annamaya Kosha.“
Ich: „Was?“
Mein Geist: „Annamaya Kosha.“
Ich: „Ich weiß nicht, was das…“
Mein Geist: „Du hast dir dein Annamaya Kosha angehauen. Deine Körperhülle. Das Ding, das gerade gegen eine Laterne gelaufen ist, weil du geguckt hast, wie die Yogabiene84 in engen Shorts Verrenkungen macht, die zwar gut aussehen, aber lassen wir das.“
Ich reibe mir die Stirn.
Ich: „Sie ist eine tolle Yogini“
Mein Geist: „Aha. Welche Körperregion hat Sie gerade gedehnt?“
Ich: „…Die Hüfte.“
Mein Geist: „Und was hat das mit deiner Hüfte gemacht, während du draufgestarrt hast?“
Ich: „Nichts.“
Mein Geist: „Eben. Dafür hat es deiner Stirn was gemacht.“
Pranamaya Kosha – oder: Laternenschmerz als Atemübung
Ich stecke das Handy ein. Widerwillig. Als erstes Zeichen von innerem Wachstum.
Und dann… tief einatmen.
Langsam.
Bis in den Bauch.
Um nach dem Schmerz wieder Luft zu bekommen, und wieder nach dem Niederschmetternden Schlag gegen die Stirn wieder Energie zu bekommen.
Mein Geist: „Pranamaya Kosha.“
Ich: „Ich weiß. Lass mich kurz.“
Mein Geist: „Ich sage ja nur.“
Ich: „Ich weiß, was Pranayama ist.“
Mein Geist: „Dann warum machst du es nur, wenn du gegen Laternen läufst?“
Ich atme nochmal aus. Länger diesmal.
Das ist eine gute Frage. Die beantworte ich später.
Manomaya Kosha – und die unschuldige Laterne
Ich reibe mir die Stirn. Die Stelle fängt schon an zu pochen.
Und dann passiert etwas, das ich als ausgebildeter Yogalehrer, spirituell unterwegs, auf dem Weg zu mir selbst nicht weiter kommentieren möchte.
Ich schaue die Laterne an.
Böse.
Nicht kurz. Nicht flüchtig.
Ich schaue sie wirklich böse an. So ein Blick, den man normalerweise für Menschen aufhebt, die beim Einparken zu weit rausfahren oder die letzte Tasse Kaffee trinken und die Kanne nicht auffüllen.
Die Laterne steht da.
Wie sie immer dagestanden hat.
Seit vermutlich dreißig Jahren.
Sie hat nichts getan.
Mein Geist: „Manomaya Kosha.“
Ich: „Ich weiß nicht, was…“
Mein Geist: „Doch. Weißt du.“
Pause.
Ich: „Die Laterne stand im Weg.“
Mein Geist: „Die Laterne steht da seit der Erfindung des Gehwegs. Du bist in sie reingelaufen. Weil DU Yogabiene84 auf deinem Handy angeseschaut hast, anstatt auf die Straße zu achten. Und jetzt bist du wütend auf die Laterne.„
Ich: „Ich bin nicht wütend.“
Mein Geist: „Du hast sie gerade angeschaut wie eine kaputte Spülmaschine.“
Ich: „…“
Mein Geist: „Das da, diese kleine, heiße, völlig unberechtigte Wut auf ein Stück Metall, das dir nie etwas getan hat, das ist deine Gedankenhülle. Manomaya Kosha. Gefühle, die einfach auftauchen. Schneller als du denken kannst. Schneller als du willst. Die Laterne ist unschuldig. Dein Bauch weiß das noch nicht.“
Ich schaue nochmal zur Laterne.
Dann weg.
Ich: „Ich finde sie trotzdem unnötig groß.“
Mein Geist: Seufzt. „Ja. Da ist er wieder.“
Vijnanamaya Kosha – wenn man aufhört, die Schuld zu suchen
Die ältere Dame ist inzwischen weitergegangen.
Die Laterne steht noch da.
Natürlich steht sie noch da.
Und irgendwo zwischen dem Pochen an meiner Stirn und dem schlechten Gewissen, das sich langsam vorschiebt, passiert etwas. Leise. Ohne Ankündigung.
Ich denke nach.
Nicht über die Laterne. Nicht über die Yogabiene84. Nicht über den Ernährungswissenschaftler mit seinem Zitronenwasser.
Über mich.
Ich war nicht achtsam. Das ist die Wahrheit, und sie ist unspektakulär und vollständig. Kein anderer Grund. Keine äußere Schuld. Ich habe auf ein Handy geschaut, statt auf den Weg. Die Laterne hat das getan, was Laternen tun – sie hat dagestanden.
Mein Geist: „Vijnanamaya Kosha.“
Ich: „Ich weiß.“
Mein Geist: „Kein Aber?“
Ich: „Nein.“
Stille.
Mein Geist: „Das ist neu.“
Das ist der Moment, in dem man aufhört zu suchen, wo die Schuld geblieben ist und einfach sieht, was war. Klar. Ohne Drama. Vijnanamaya Kosha. Die Hülle, die unterscheidet. Die versteht. Die nicht reagiert, sondern erkennt.
Ich stecke das Handy in die Jackentasche.
Diesmal ganz.
Anandamaya Kosha – Erleuchtung ist kalt
Zuhause.
Eisbeutel. Sofa. Stille.
Das Eis liegt auf meiner Stirn, genau auf der Stelle, die noch immer pocht. Und dieses Gefühl, diese simple und völlig unspirituell-ehrliche Kälte gegen warme, beleidigte Haut ist in diesem Moment das Schönste, was ich je gespürt habe.
Ich meine das ernst.
Kein Sonnenuntergang. Kein Samadhi auf dem Meditationskissen. Kein kosmischer Download während des Pranayamas.
Ein Eisbeutel.
Mein Geist: sehr leise: „Anandamaya Kosha.“
Ich: „Ich weiß“, sage ich.
Und diesmal lächle ich dabei.
Anandamaya Kosha die tiefste Hülle. Die, die keine große Bühne braucht. Kein Retreat, keine engen Shorts, kein Kurkuma-Zitronenwasser. Manchmal ist Glückseligkeit einfach: kalt. Genau richtig. Genau jetzt.
Mein Geist: „Hättest du das auch ohne die Laterne gehabt?“
Ich denke kurz nach.
Ich: „Wahrscheinlich nicht.“
Mein Geist: „Dann war sie doch nützlich.“
Ich schaue an die Decke.
Ich: „Sag das nicht.“
Mein Geist: „Die Laterne hat dich erleuchtet.“
Ich: „Ich hasse dich.“
Mein Geist: „Anandamaya Kosha, Chris. Genieß den Moment.“
