Yoga ohne Druck – über Disziplin, Pausen und das Wiederkommen
Schön, dass du wieder da bist.
Oder bist du über einen Link auf Social Media hierhergekommen und weißt gar nicht, was dich hier erwartet?
Auch kein Ding.
Wenn du gerade keine Zeit hast, dann nimm sie dir einfach.
Am besten legst du erst mal kurz das Handy beiseite und holst dir eine Tasse Tee oder Kaffee.
Nimm dir dann die Zeit, diesen Beitrag bewusst zu lesen.

Und da sitze ich wieder auf der samtgrünen Couch in unserem Yoga-Studio.
In der Hand eine Tasse dampfenden Kräutertee mit – ich glaube – Süßholz drin.
Ich persönlich mag den ja ganz gerne.
Diesen natürlichen, süßlichen Geschmack.
Bei Isabella bin ich mir da gerade nicht so sicher.
„Sag mal Chris, was für einen Tee habt ihr denn heute in der Kanne?“
fragt sie mich mit einem Blick in die Tasse, den ich gerade nicht deuten kann.
Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob sie wegen dem Tee oder wegen der Yogastunde so gequält schaut.
Ach, ich denke, es wird der Tee sein, mache ich mir selbst Mut –
denn ich persönlich hatte ein richtig gutes Gefühl bei der Stunde.
„Es ist der Tee mit drei Süßholzsorten“, antworte ich ihr.
„Du weißt doch, dass ich immer gern am Süßholzraspeln bin.“
Isabella lacht lauthals auf.
„Ja, du hast schon eine sehr charmante Art, uns immer zum Schwitzen zu bringen.“
„Sag mal, Chris“, sagt Isabella und zieht die Beine auf der Couch ein wenig an,
„stehst du eigentlich wirklich jeden Morgen um sechs auf, um Yoga zu machen?“
Ich muss lachen.
Nicht dieses elegante, erleuchtete Yoga-Lachen.
Eher so ein ehrliches Nein-auf-keinen-Fall-Lachen.
„Um ehrlich zu sein? Nein.“
Ich schüttle den Kopf.
„Ich bin ja kein Heiliger. Und ich schlafe viel zu gern.“
Isabella zieht eine Augenbraue hoch.
Diese Art von Augenbraue, die sagt: Aha. Ertappt.
„Aber das sagen doch immer alle“, meint sie.
„Yoga-Lehrer stehen doch angeblich immer früh auf, trinken warmes Zitronenwasser und machen dann anderthalb Stunden Praxis.“
Ich nehme einen Schluck Tee.
Zu heiß. Natürlich.

„Ja, das ist dieses Bild“, sage ich.
„Aber das Bild ist ungefähr so realistisch wie die Vorstellung, dass alle Köche jeden Tag Gourmet-Menüs essen.“
Sie lacht.
Und ich merke, wie ein bisschen Druck aus dem Raum verschwindet.
„Also wie ist es denn wirklich?“,
fragt sie.
Ich lehne mich zurück in die Couch.
Diese samtgrüne Couch, die schon viele Gespräche gehört hat.
Gute. Ehrliche. Und auch solche, die man erst mal sacken lassen musste.
„Manchmal mache ich Yoga drei Mal die Woche“, sage ich.
„Manchmal nur zwei.
Und manchmal…“ ich zucke mit den Schultern
„manchmal sind es halt nur zwanzig Minuten.“
„Nur?“
fragt Isabella erstaunt.
„Ja“, sage ich und grinse.
„Dieses Wort NUR müssen wir dringend streichen.“
Ich erzähle ihr, dass meine Praxis zwischen zwanzig und fünfundsiebzig Minuten schwankt.
Dass es Tage gibt, da fließt alles.
Und Tage, da besteht Yoga aus Atmen, Dehnen und innerem Augenrollen.
„Es hängt vom Tag ab“, sage ich.
„Vom Kopf. Vom Körper. Vom Leben.“

Isabella nickt langsam.
„Weißt du“, sagt sie,
„ich hab manchmal das Gefühl, wenn ich nicht drei- oder viermal die Woche für über eine Stunde auf der Matte stehe, dann hab ich’s gleich wieder verkackt.“
Da ist er.
Dieser Satz.
So ehrlich, dass er kurz wehtut.
Ich stelle meine Tasse ab.
„Genau das“, sage ich,
„ist der Punkt, an dem Yoga plötzlich schwer wird.
Und das sollte es eigentlich nicht.“
Ich erzähle ihr von diesem inneren Druck.
Von diesem unsichtbaren Regelwerk, das niemand offiziell aufgestellt hat
und trotzdem scheint es jeder zu kennen.
Du solltest öfter.
Du solltest länger.
„Aber Yoga ist kein Trainingsplan“, sage ich.
„Yoga ist eine Beziehung.
Und Beziehungen funktionieren nicht nach Wochenplänen.“
Isabella lächelt.
„Das klingt jetzt sehr weise“, sagt sie.
„Ja“, antworte ich,
„aber glaub mir, ich vergesse das selbst oft genug.“
Ich erzähle ihr von den Tagen, an denen das Leben einfach andere Pläne hat.
Termine. Müdigkeit. Kopf voll.
Und manchmal einfach keine Lust.
„Und weißt du was?“, sage ich.
„Das ist okay.“
Sie schaut mich an.
Ein bisschen überrascht.
Ein bisschen erleichtert.
„Wichtig ist nicht, dass du jeden Tag auf der Matte stehst“, fahre ich fort.
„Wichtig ist nur, dass du immer wieder zurückkommst und konsequnt bleibst.“
Nicht dieses:
Ich hab jetzt eine Woche nichts gemacht, also kann ich’s auch gleich lassen.
Sondern eher:
Okay. Heute war nichts. Dann eben morgen. Oder übermorgen.
Ich sehe, wie sie langsam nickt.
Nicht dieses höfliche Nicken.
Sondern dieses Ich fühl das gerade-Nicken.

„Vielleicht“, sagt sie leise,
„muss ich ja nicht immer Stunden Yoga Praktizieren. Sondern zwischendrin einfach mal kleine Einheiten einbauen?! “
Ich lächle.
„Ganz genau“, sage ich.
„Es muss nicht immer die Yoga Stunde zwischen 1 – 2 Stunden sein. Es dürfen auch gerne mal nur 30 Minuten sein. Und 3 x 30 Minuten sind auch eineinhalb Stunden“
„Solange Du einmal die Woche zu meinen 75 Minuten kommst, kannst Du die anderen 2 Stunde für Dich in der Woche aufteilen wie Du möchtest.“
Zwinkere ich Ihr zu.
Sie Lacht und Antwortet.
„Als ob ich auf deine Stunde verzichten möchte. Das ist mein Flucht vom Tag.
Ausserdem wüsste ich gar nicht was und wie ich zuhause Praktizieren sollte“
Wir lachen uns an und sitzen dann einen Moment still da.
Der Tee dampft noch.
Der Raum ist ruhig.
Und irgendwo zwischen Couch, Süßholztee und diesem Gespräch denke ich mir:
Wenn Yoga eines kann,
dann ist es genau das
den Druck rausnehmen.
Und vielleicht reicht das manchmal schon völlig aus.

