Saft auf der Leitung
Mein innerer Elektriker und die Chakra-Baustelle
Da stehe ich also in der Küche und starre auf die Spülmaschine. Sie ist voll. Ich bin leer. In meiner Hand halte ich eine Tasse, die die Aufschrift „Held des Alltags“ trägt, was angesichts meines aktuellen Zustands purer Hohn ist. Und genau in diesem Moment meldet sich wieder diese Stimme in meinem Hinterkopf. Sie klingt nicht wie ein tibetischer Mönch, sondern eher wie ein bayerischer Hausmeister kurz vor der Mittagspause.
Mein Geist: „Du, Chris? Ich sag’s ja ungern, aber bei uns brennt untenrum die Hütte.“
Ich: „Was? Ich hab die Herdplatte ausgemacht, ich hab extra nachgeschaut!“
Mein Geist: „Nicht in der Küche, du Experte. In dir drin. Dein Wurzelchakra blinkt rot. Und nicht das gute ‚Ich-bin-geerdet-Rot‘, sondern eher das ‚Systemfehler-bitte-Techniker-rufen-Rot‘.“
Ich seufze und lehne mich gegen die Arbeitsplatte. „Können wir das nicht morgen machen? Ich wollte eigentlich nur einen Kaffee trinken und kurz so tun, als hätte ich mein Leben im Griff.“
Mein Geist: „Nix da. Wenn das Fundament wackelt, brauchen wir oben im Penthouse gar nicht erst mit der Erleuchtung anfangen. Du fühlst dich doch heute wieder wie eine Pusteblume im Orkan, oder? Ein falsches Wort vom Chef und du fliegst davon.“
Die Chakren oder: Wer hat hier die Sicherung rausgedreht?
Früher dachte ich, die Chakra-Lehre sei etwas für Menschen, die ihren Vornamen in den Wind tanzen und ausschließlich von Lichtnahrung leben. Ich stellte mir sieben leuchtende Diskokugeln vor, die irgendwie magisch in der Wirbelsäule rotieren. Wenn man brav „Om“ sagt, drehen sie sich schneller, und wenn man böse ist, bleiben sie stehen.
Heute weiß ich: Chakren sind eigentlich wie die Sicherungskästen in einem alten Bauernhaus. Wenn du gleichzeitig den Föhn, den Wasserkocher und die Heizdecke anwirfst, macht es „Klack“ und du stehst im Dunkeln. Genau so fühlt sich mein Alltag oft an. Nur dass die Sicherungen hier Muladhara oder Manipura heißen.

Mein Geist geht nun offiziell in den Wartungsmodus und zückt das virtuelle Klemmbrett: „Also, Bestandsaufnahme. Wurzelchakra (Muladhara): Absolut instabil. Wann hast du das letzte Mal einen Baum angefasst? Oder zumindest mal ein Radieschen gegessen, das nicht auf einer Tiefkühlpizza lag? Du hast keine Bodenhaftung, Chris. Du schwebst fünf Zentimeter über dem Boden vor lauter Stress.“
„Und was ist mit dem Teil am Bauch? Dem Sakral-Dings?“, frage ich und versuche, meinen Bauch einzuziehen, was auch nichts mehr hilft.
„Das Sakralchakra (Svadhisthana)?“, er schnaubt so laut, dass ich fast meine Tasse fallen lasse. „Das ist bei dir aktuell im Tiefschlaf. Kreativität? Lebensfreude? Sinnlichkeit? Du hast gestern zwei Stunden lang Videos von Leuten geschaut, die mit Hochdruckreinigern alte Teppiche säubern. Das ist kein schöpferischer Akt, das ist energetische Insolvenzverschleppung. Du funktionierst nur noch, du lebst nicht.“
Vom Stau im Kraftwerk und der stummen Kehle
Ich merke, wie sich in meiner Magengegend etwas zusammenzieht. Ein bekanntes Gefühl, eine Mischung aus flauem Magen und dem Drang, schreiend wegzulaufen.
„Da! Das spüre ich. Ist das jetzt das Herzchakra? Kommt jetzt die große Liebe?“, hoffe ich inständig.
„Träum weiter“, sagt mein Geist trocken. „Das ist dein Solarplexus (Manipura). Dein inneres Kraftwerk. Da sitzt der ganze angestaute Ärger über die Mail von heute Morgen und die Tatsache, dass die Hafermilch schon wieder alle ist. Du verballerst da gerade Energie wie ein alter Diesel bei Vollgas im Leerlauf. Viel Lärm, viel Gestank, aber wir kommen keinen Millimeter vom Fleck.“
Ich muss schlucken. Er hat ja recht. Mein Herzchakra (Anahata) versucht zwar verzweifelt, mit ein bisschen Selbstliebe die Wogen zu glätten, aber es kommt nicht durch. Warum? Weil mein Kehlchakra (Vishuddha) – die Zentrale für Kommunikation – sich vorsichtshalber mal krankgemeldet hat.
„Deswegen hast du vorhin auch nur ‚Mhm‘ gesagt, als dich die Nachbarin gefragt hat, ob du ihr beim Tragen hilfst, obwohl du eigentlich ‚Gerne, aber ich hab Rücken‘ hättest sagen wollen“, fügt mein Geist hinzu. „Du schluckst alles runter, und dann wunderst du dich, dass der Hals eng wird.“
Das dritte Auge und die Sache mit dem Durchblick
„Und was ist mit dem Dritten Auge (Ajna)?“, frage ich. „Ich hab heute Morgen eigentlich ganz klar gesehen, dass ich keine Lust auf Arbeit habe.“
„Das ist keine Intuition, das ist Arbeitsverweigerung“, korrigiert er mich prompt. „Dein Drittes Auge ist so verklebt vom ständigen Starren auf das Smartphone, dass du den Wald vor lauter Bäumen nicht siehst. Du vertraust deinem Bauchgefühl so sehr wie einer Wettervorhersage von 1985.“
Wir arbeiten uns hoch zum Kronenchakra (Sahasrara). Der direkte Draht nach oben. Das WLAN zum Universum.
„Da oben ist Funkstille, oder?“, rate ich.
„Sagen wir mal so“, meint mein Geist fast schon mitleidig, „die Verbindung steht, aber du hast das Passwort vergessen. Du bist so sehr damit beschäftigt, den Alltag zu managen, dass du gar nicht merkst, dass du Teil von etwas Größerem bist. Du bist wie ein Handy im Flugmodus, das sich beschwert, dass es keine Nachrichten bekommt.“
Fazit: Einmal energetisch Durchspülen, bitte
Ich stehe immer noch vor der Spülmaschine. Aber irgendwie fühle ich mich jetzt anders. Ertappt, ja, aber auch ein bisschen erleichtert. Die Lehre von den Chakren ist im Grunde nichts anderes als eine spirituelle Inventur. Einmal von unten nach oben durchchecken, ob die Leitungen noch frei sind:
- Wurzel: Habe ich festen Boden unter den Füßen oder bin ich ein nervöses Wrack?
- Sakral: Erlaube ich mir Spaß, oder bin ich eine wandelnde To-Do-Liste?
- Solarplexus: Nutze ich meine Macht oder fresse ich den Frust in mich hinein?
- Herz: Bin ich offen oder habe ich eine Mauer um mich herum gebaut?
- Kehle: Sage ich meine Wahrheit oder nur das, was andere hören wollen?
- Stirn: Vertraue ich meiner Intuition oder nur meinem Terminkalender?
- Krone: Bin ich noch ganz dicht – äh, ich meine: Bin ich verbunden?
Vielleicht ist Erleuchtung nicht, wenn man plötzlich hell leuchtet wie der Weihnachtsbaum am Rockefeller Center und über dem Boden schwebt. Vielleicht ist Erleuchtung einfach nur der Moment, in dem man merkt, an welchem Schalter man gerade drehen muss, damit das Licht im Alltag nicht ganz ausgeht.
Mein Geist: „Na also, geht doch. Und jetzt stell die Tasse weg, geh fünf Minuten barfuß in den Garten und spür mal deine Füße. Das Wurzel-Dings braucht Aufmerksamkeit. Danach gibt’s Kaffee. Aber ohne Smartphone-Geglotze, verstanden?“
„Verstanden, Chef“, sage ich. Und ich bilde mir ein, dass mein Solarplexus gerade ein kleines bisschen weniger rumpelt.


Ich liebs, wie deine Worte mit charmanter Ehrlichkeit, deinen/meinen Alltag beschreiben. Inventur … nicht nur einmal jährlich bitte 🥰
Liebe Sandra,
wir versuchen die Inventur mindestens einmal die Woche zu machen.
Das trifft alles auch auf mich zu, nur das es nicht Techniker -rot-ruft sondern schon einen Wackelkontakt und kurz vorm Stromausfall ist 🙂 ich Stimme dir in jedem Satz zu, dass wir auf unseren Körper hören sollen und uns mal einen freien Moment gönnen sollen nur ist man eine *To do Liste* ich sag zu keinem Chef immer *Arbeiten wie auf einem Fließband* Danke für diesen tollen Text, werde versuchen mehr auf meinem Geist zu schauen und im mehr innere Ruhe bekommen. Namaste 🙂
Hallo Ana,
das ist schön zu hören das ich Dir so was mitgeben konnte.
Und danke Dir für das Feedback.