Yoga, Schweinehund und Netflix-ein innerer Dialog über Disziplin

Ein persönlicher Text über Yoga im Alltag, innere Stimmen, Motivation, Disziplin und die Entscheidung zwischen Yogamatte und Couch.

Wenn alles bereit ist, nur der Kopf noch nicht

So, das Zimmer ist auf Temperatur, die Yogamatte ist ausgerollt, da kann es ja losgehen.
Was mache ich heute eigentlich?

Vielleicht einfach ein paar Sonnengrüße und dann mal schauen, wonach der Körper so ruft.

„Netflix!“ sagt da eine Stimme plötzlich.
Ich schaue mich um und frage mich: Hääää? Wo kam das denn jetzt her?

Naja, egal, wieder auf die Matte.
Also ein paar Sonnengrüße A und dann noch ein paar Sonnengrüße B und dann sehen wir mal weiter.

„Netflix!“ sagt diese Stimme wieder.
„Du musst dich beeilen, die neue Staffel Strange Things fängt bald an und du hängst noch bei Staffel 2 –
STTAAAAFFFEELLLLL ZWEIIIIII von fünf.
Wie willst du das denn aufholen?“

Ich schließe die Augen.
Atme ein und atme aus.

„Ok“, sage ich zu mir selbst.
„Wer bist du?“ muss ich jetzt doch kurz nachfragen.

„Hund… Schweine… Hund“, antwortet es in mir.

„Na toll“, erwidere ich,
„dich habe ich gerade ja so gebraucht wie James Bond, Blofeld in seinem Leben braucht.“

„Naja“, antwortet mein Schweinehund.
„Wenn es keinen Ernst, Stavro Blofeld gibt, brauchst du dann überhaupt einen James Bond?
Denk mal drüber nach.“

Schweinehund vs. Disziplin – ein innerer Dialog auf der Yogamatte

Ich halte kurz inne und antworte:
„Du meinst also, dass die Geschichte von James Bond und Blofeld alias Franz Oberhauser eine Sache von Spieler und Gegenspieler ist?
So eine Yin-Yang-Sache, Agonist, Antagonist!“

„Ja genau“, antwortet mein Schweinehund.

„Dann habe ich eine kurze Frage“, muss ich hier jetzt einwerfen.
„Wer ist dein Gegenspieler?
Dein Trizeps zum Bizeps?
Dein Mond zur Sonne?
Deine Ida zur Pingala?
Wer?“

„Deine Disziplin“ bekomme ich hier kurz und knapp zurück.

Der Satz bleibt einen Moment im Raum stehen.
Nicht laut.
Eher so, wie ein Satz stehen bleibt, wenn man weiß, dass er stimmt, ihn aber gerade nicht hören möchte.

Ich schaue auf meine Matte.
Atme ein.
Atme aus.

„Disziplin.“ sage ich so zu mir selbst.
Klingt immer so, als würde man sie besitzen.
Wie einen Gegenstand.
Als läge sie ordentlich zusammengefaltet neben der Yogamatte und man müsste sie nur kurz aufheben.

Tut sie aber nicht.

Disziplin fühlt sich für mich gerade eher so an wie:
Hierbleiben.
Nicht weglaufen.
Nicht auf die Couch gehen und Netflix schauen.
Wobei der Gedanke schon verlockend ist.

Oh, warte… der Schweinehund versucht mich auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen.
Luke, ähh, ich meine Chris, lass dich nicht darauf ein.

Zurück in den Körper, warum ich wirklich auf der Matte stehe

Ich schiebe die Gedanken wieder beiseite
und gehe wieder in den Stand.
Die Füße auf der Matte.
Spüre den Boden.
Nicht besonders spirituell.
Aber real.

Und dann ist er wieder da, der Gedanke.
Warum ich auf der Matte stehe.

Körperliche Dysbalancen, Schmerzen im unteren Rücken und in der Schulter.

Wenn ich eins weiß, dann das, dass die durch Netflix schauen nicht besser werden.
Also die Rückenschmerzen.

„Komm schon“, sage ich zu mir selbst.
„Fokussiere deine Ziele,
schalte den Schweinehund aus
und die Disziplin an.“

Einatmen.
Ausatmen.

Einatmen, Arme nach oben.
Ausatmen in die Vorbeuge.
Einatmen, gerader Rücken.
Ausatmen, zwei Schritte zurück in die Planke.

„Du sag mal“, ist da die Stimme wieder.
„Bist du dir sicher, dass du diese Liegestütze jetzt machen möchtest?
Mit Sicherheit kommst du ins Schwitzen.
Dann musst du wieder duschen und das geht alles von deiner Netflix-Zeit ab.“

Ein Kompromiss mit mir selbst

„Alles klar, du Schweinehund“, sage ich jetzt doch ein wenig genervt.
„Einigen wir uns auf einen Kompromiss.
Anstatt 60–75 Minuten Yoga mache ich 30–45 Minuten.
Das gibt mir ein gutes Gefühl, etwas gemacht zu haben,
und ich gebe dir etwas nach, um Strange-Things weiterzuschauen.“

Auf einmal sagt eine andere Stimme in mir:
„Gut gemacht, Chris, mit mir zu arbeiten,
auch wenn es nur kurz ist,
ist schon mal ein Anfang.“

„Wer bist du denn jetzt?“ muss ich hier fragen.

„Ich bin es, deine Disziplin.“

„Ach schön, dass du dich jetzt auch mal meldest 007“, erwidere ich.

„Naja, was soll ich sagen, aktuell bellt dein Schweinehund wohl lauter als ich“,
kommt die trotzige Antwort.
„Aber das liegt nicht unbedingt an mir alleine.
Du entscheidest, ob ich lauter spreche oder hier mein Nachbar, der Herr Schweinehund.“

„Ja, ja, ich weiß“, muss ich hier kleinlaut zurückgeben.
„Ich versuche ja hier, die Balance zwischen dir und dem anderen zu bekommen.
Und auch ja, wenn ich mit dir – der Disziplin – zusammenarbeite, merke ich auch, dass es mir besser geht.“

„Siehst du“, sagt die Disziplin,
und ich kann das selbstgefällige Lachen förmlich sehen.

„Ja, aber“, muss ich hier noch mal einhaken.
„der Herr Schweinehund ist halt manchmal echt laut und hat so gute Ideen.“

Ich sehe gerade richtig, wie der Schweinehund der Disziplin die Zunge herausstreckt und
„ÄTSCHI BÄTSCH“ sagt.

Balance statt Perfektion – auch das ist Yoga

In einem ruhigen und gelassenen Ton, mit einem abfälligen Seitenblick zum Schweinehund, sagt die Disziplin:
„Das ist auch vollkommen in Ordnung, hin und wieder nachzugeben.
Auch ich benötige mal eine Pause.
Wie du aber schön gesagt hast, versuche, die Balance zwischen mir und dem Typen da drüben zu finden.“

„Heute hast du ja schon richtig entschieden.
Nicht ganz auf die Yogapraxis zu verzichten,
sondern einfach zu kürzen.
Wenn du mir dauerhaft zu viel Aufmerksamkeit widmest,
ist das mit Sicherheit auch nicht gut.
Hin und wieder muss dein Geist auch einfach mal eine Pause machen.“

„So und nun, jetzt aber weiter in der Praxis,
wir haben hier schon genug diskutiert.“
kommt es jetzt in einem fast Drill-Sergeant Ton von der Disziplin.

„Danach aber Netflix“, kommt schon etwas leiser vom Schweinehund.

Und dann übernimmt wieder der Körper

Und so geht es weiter:
Ausatmen zum Bodensinken.
Einatmen Kobra.
Ausatmen herabschauender Hund.

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